Die Umbenennung von drei Plätzen und Straßen im Wedding, die an Täter deutscher Kolonialpolitik erinnern. (Lüderitz, Nachtigal, Peters) Es hat in der Vergangenheit schon mehrere Anläufe gegeben, Straßennamen in Berlin, die an die koloniale Vergangenheit Deutschlands erinnern, zu ändern. Momentan wird berlinweit ein neuer Versuch unternommen, der auch wegen der publizistischen Begleitung Ernst zu nehmen ist. Im Wedding gibt es eine ganze Reihe dieser Straßennamen vor allem im Afrikanischen Viertel. Auch in unserem Abteilungsbereich gibt es davon zwei, die Samoa- und die Kiautschoustr. Wenn es dabei um geographische Namen geht, ist das eher unproblematisch. Schwierig wird es, wenn es sich bei den Straßennamen um die Täter von Kolonialpolitik handelt. Konkret geht es in Mitte um die Petersallee, den Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße. Bei Carl Peters handelt es sich nicht nur um den Gründer von Deutsch-Ostafrika (das heutige Tansania, Ruanda und Burundi) (1885). Im Reichstag ist er des Mordes an seinen afrikanischen Hausangestellten beschuldigt worden, für die er auch anschließend von einem Gericht verurteilt wurde. Nur hat er sich dann wieder von Disziplinargericht freisprechen lassen. Politisch rehabilitiert haben ihn dann die Nazis. 1939 tauften sie einen Teil der Londoner Straße im Wedding in Petersallee um und dies geschah ausdrücklich im Hinblick auf seine politische Haltung, die sich 1886 so ausdrückt: "Kolonialpolitik will nichts Anderes als die Kraftsteigerung und Lebensbereicherung der stärkeren, besseren Rasse, auf Kosten der schwächeren, geringeren, die Ausbeutung der nutzlos aufgespeicherten Reichtümer dieser im Dienste des Kulturfortschritts jener." Adolf Lüderitz, ein Bremer Tabakhändler; hat 1883 an der Küste Südwestafrika in großem Stil Land erworben und erhielt dafür ein Jahr später einen Schutzbrief der Reichsregierung in Berlin, was Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) zur ersten deutschen Kolonie machte. Beim Landkauf ist Lüderitz gegenüber den Einheimischen mit betrügerischen Methoden vorgegangen. Statt wie vereinbart die englischen Meilen, hat er nach dem Verkauf die deutsche Meile zugrunde gelegt, was seinen um das Fünffache vergrößert hat und was Endeffekt 1904 zu bewaffneten Aufstand der Nama geführt hat. Gustav Nachtigal, ein Militärarzt und Forschungsreisender, war schließlich der erste „Reichskommissar für Westafrika“ und hat 1884-85 mit Kanonenbooten die deutschen Kolonien Togo und Kamerun gegründet. Zugleich hat er auch im Namen der Reichregierung in Berlin Landgeschäfte von Adolf Lüderitz in Südwestafrika beglaubigt, wohlwissend dass diese auf Betrug basierten.Um die Umbenennung dieser drei Straßennamen geht es jetzt konkret in Mitte. Hinzu kommen sonst in Berlin noch die Iltis- und Lansstr. in Dahlem und das Groebenufer Kreuzberg. Für die Änderung aller fünf Namen gibt es seit einigen Monaten eine berlinweite Kampagne, die wesentlich von einem Bündnis Berlin-Postkolonial.de getragen wird, hinter dem wiederum der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (ein Zusammenschluss von ca. 70 NGOs) steht. In anderen Städten gibt es ähnliche Bündnisse, die auch miteinander vernetzt sind und in den letzten Wochen verstärkt an die Öffentlichkeit gehen (Sendungen im rbb, Veranstaltungen in VHS). In Mitte ist hier vor allem die „Initiative Afrika im Wedding“ aktiv. Die Publizistin Ursula Trüper (u.a. Autorin der Propagandistin) spielt darin eine führende Rolle. Im Unterschied zur Iltis- und Lansstr. sowie zum Groebenufer, an denen kaum Anwohner leben, sind die drei Straßen in Mitte Wohnstraßen und das stellt an eine Umbenennung besondere Anforderungen. Zu den zu erwartenden Problemen und Konflikten bei Straßenumbenennungen gehören der langwierige bürokratische Prozess sowie die dadurch entstehenden nicht unbedeutenden finanziellen Kosten und vor allem die Angst vor dem Unmut der Anwohner, die bei Straßenumbenennungen ihre Personalausweise ändern müssen etc. Diese zu erwartenden Probleme, die man bei früheren Umbenennungsaktionen auch schon in den 80er Jahren selbst erlebt hat, veranlassen das Bezirksamt und auch die SPD-Fraktion in der BVV sich zu den Umbenennungsabsichten nicht deutlich zu äußern.Ein Grund dafür ist, dass das Afrikanischen Viertel ein eher bürgerliches Wohngebiet ist und die CDU für Weddinger Verhältnisse hier relativ stark ist. Deshalb hat das Bezirksamt 1986 die Petersallee von Carl Peters auf den Stadtverordneten Hans Peters (1896-1966) umgewidmet, was keine größeren Änderungen zur Folge hatte. Dem möglichen Konflikt mit den Anwohnern ist man so aus dem Weg gegangen. Korrekt wäre es gewesen, den Straßennamen dann auch in „Hans-Peters-Allee“ umzubenennen, wie es das Berliner Straßengesetz vorschreibt. Das wäre dann aber schon ein anderer Straßenname gewesen und hätte z.B. eine andere alphabetische Platzierung in Stadtplänen zur Folge gehabt. Der Name „Petersallee“ wird im Zusammenhang mit den afrikanischen Straßennamen in der unmittelbaren Nachbarschaft immer mit der Kolonialpolitik in Verbindung gebracht werden. Ähnlich würde es sich verhalten, wenn der Nachtigalplatz in Zukunft mit zwei ll geschrieben und dem Singvogel gewidmet würde. Eine andere Variante, alle Namen so zu lassen und dann jeweils er(auf)klärende Hinweistafeln anzubringen und zu argumentieren, an den Straßennamen dokumentiere sich geschichtliche Entwicklung, verbietet sich auch. Im Falle der Nazigrößen und von Stalin hat man das ja auch nicht gemacht. Die bislang eher unentschlossene Haltung erscheint für die SPD-Fraktion und das BA heute so nicht mehr praktikabel zu sein. Allerdings sollte man geplant und auf Konsens bedacht vorgehen und das (SPD-)BA sollte auch die Initiative behalten. Man muss in der Tat vermeiden, sich dem Vorwurf auszusetzen, die Bezirkspolitiker hätten nichts besseres zu tun, als Straßen umzubenennen und damit die Anwohner zu ärgern. Gleichzeitig sollte man die Bürgerbeteiligung, für deren Erweiterung wir uns ja eingesetzt haben, auch nicht verkürzen, wenn es schwierig wird. Man muss auch nicht die Umbenennungen lediglich als Geschichtspolitik betreiben, man kann diese Zielsetzung in einem Paket mit anderen Politiken betreiben. Hier bietet sich jetzt eine konkrete Chance. Denn allein in Mitte sind über 18 000 Staatsbürger afrikanischer Länder gemeldet. Die meisten leben davon im Wedding und dies macht die ganze Sache integrationspolitisch interessant. Denn einerseits - so erklären das Afrikaner - bietet der Wedding mit seinen afrikanischen Straßennamen ein gewisses Heimatgefühl, andererseits fühlt man sich nicht unbedingt willkommen, wenn man dann mit Namen von Kolonialmördern wie Peters konfrontiert wird. Dabei hat der Bezirk durchaus ein Interesse am Wohlbefinden seiner afrikanischen Einwohner, stärken sie doch – wie im Sprengelkiez deutlich erkennbar - z.B. das lokale Gewerbe. Die afrikanische Community kann sich durchaus als pressure group für die Straßenumbenennungen entwickeln. Johannes Berger Text zur Erinnerungspolitik in Namibia mit den dazu gehörenden Anmerkungen (Autor J. Berger) Link zur deutschlandweiten Initiative deutschland-postkolonial.de Link zum Bündnis Berlin-Postkolonial.de |